Red Hot Chili Peppers meet Singer-Songwriter-Herz

Konzertkritik: Red Hot Chili Peppers
Bildquelle: 
Bäckstage / © Seraina Thuma

Unter dem Motto «Die muss man einfach gesehen haben» machte ich mich auf den Weg ans Konzert der Red Hot Chili Peppers im Zürcher Hallenstadion. Eigentlich ein ungewöhnlicher Anlass, als Singer-Songwriter Liebhaberin, um in die Limmatstadt zu fahren. Dass es sich aber lohnen würde, wusste ich zu jenem Zeitpunkt natürlich noch nicht. So folgte ich den wild durcheinander laufenden Menschen zum Stadion und war gespannt auf die Show der Rocklegenden.

 

Das Hallenstadion in rotem Licht 

 

Als ich meinen Platz einnahm, waren die Sitzreihen bereits bis obenhin gefüllt, im Stehplatzsektor stand eine dicht gedrängte Menschenmenge und von der Decke im vorderen Teil des Stadions baumelten weisse zylinderförmige Gegenstände. Klasse - ein ausverkauftes Hallenstadion und ich war mittendrin. Plötzlich wurde es dunkel, Laserlicht flitzte durch den Raum und eine Überraschung: praktisch kein Handy wurde gezückt. Ich war zu jenem Zeitpunkt bereits beeindruckt und ich wünschte, dass dies die jüngere Konzertgeneration ebenfalls sah, damit sich die eine Scheibe abschneiden könnten. Alle Blicke wurden nun zur Bühne gerichtet, Pfiffe ertönten und die Band wurde unter tosendem Applaus auf der Bühne empfangen. Frontmann Anthony Kiedis erschien kurze Zeit später ebenfalls und hüpfte wie eine Marionettenpuppe zwischen seinen Bandmitgliedern herum. Das Hallenstadion wurde in rotes Licht getaucht – ja Leute, wir waren eben am Red Hot Chili Peppers Konzert! Die Show eröffneten die Vier mit dem altbekannten Song «Can’t Stop», der auch mein Singer-Songwriter-Herz ein bisschen höher schlagen liess. Passend zu den Herzschlägen und dem Rock im Stadion fingen die Zylinder an der Decke im Rhythmus und verschiedenfarbig an zu blinken und sich zu bewegen, was der ganzen Show ein atemberaubendes Bühnenbild verlieh.

 

Fotos: © Seraina Thuma

 

Ich liess meinen Blick zur gegenüberliegenden Tribüne schweifen, hoch zur obersten Reihe, hinüber zu den VIP- und Logenplätzen – der Grossteil der Menge wünschte sich wohl, sie hätten ein Stehplatzticket gekauft. Ganze Sitzplatzsektoren standen, klatschten und tanzten zur Musik. Nach dem zweiten Song «Dani California» begrüsste der Frontmann das Schweizer Publikum, hielt eine kurze Ansprache, spuckte wild auf den Boden und widmete sich dem nächsten Song. Nicht nur unten im Stehbereich wurde die Funk- und Alternativrockband ganz schön gefeiert; überall bewegten sich die Köpfe, Haare flogen durcheinander, Hände droschen nach oben und Stimmbänder wurden strapaziert.

 

Nach einer guten Stunde Rockmusik, verrückten Songtexten und Bühnenbildern, Gekreische und Gesinge inszenierten Chad und Josh, Drummer und Gitarrist, ein fast endloses Intro für den nächsten Song. Der Sound war für meinen Geschmack allerdings ein bisschen zu laut, die Klänge zerschmetterten in den Lautsprechern. Die Zylinder an der Decke bewegten sich hoch und runter und erzeugten bei «Californication» ein oranges Wellenmeer und ich beobachtete, wie immer mehr Leute ihr Mobiltelefon zückten, um dieses eine Stück für immer in Erinnerung behalten zu können. Nach alt folgt neu: «The Getaway», Titeltrack des neusten Albums, war der nächste Song, den die vier Kalifornier performten. Kurze Zeit später verliessen die Chili Peppers die Bühne, doch in der Konzerthalle blieb es dunkel. Eine Zugabe? Wahrscheinlich. Ganze fünf Minuten später betrat Josh alleine die Bühne und sang das Beatles-Cover «Across the Universe». Mitten im Lied erschien Michael «Flea» Balzary im Handstand auf der Bühne, machte vor dem Schlagzeug Halt und hielt seine Position während gut einer Minute. Coole Showeinlage, der Menge hat’s gefallen. Das Konzert beendeten die Chili Peppers typischerweise mit dem Stück «Give it Away», bei dem auch die Zuschauer nochmals alles gaben. 

 

«Under The Bridge» auf der Strasse 

 

«Das kann doch nicht sein? Das Konzert ist jetzt beendet? Aber wo bleibt denn «Under the Bridge»?» Diese Frage dürfte sich wohl die Mehrheit der 13‘000 Besucherinnen und Besucher gestellt haben als das Licht im Hallenstadion wieder heller wurde und die Menschenmasse langsam ins Kalte strömte. Die Chili Peppers haben echt einen der bekanntesten Songs nicht gespielt – warum? Dies konnte sich wohl niemand beantworten. Fakt ist aber, dass sie den Song auch auf früheren Tourneen gerne weggelassen haben und wie ich später erfahren habe, stand er einen Tag danach beim zweiten Zürcher Konzert auf der Setlist. Ein bisschen enttäuscht verliess ich das Stadion und machte mich auf den Nachhauseweg. Mein Weg zur Parkgarage führte an einem einsamen Gitarrenspieler auf der Strasse vorbei und welchen Song hat er gespielt? Genau: «Under the Bridge». Mein Singer-Songwriter-Herzlein ging auf. 

 

Rahel Inauen / So, 09. Okt 2016